Strandgut-Upcycling nördlich des Polarkreises

In eisiger Kälte, völliger Einsamkeit und ohne fließend Wasser und Strom, überwinterten Inge und Jørn neun Monate in ihrer kleinen aus Strandgut errichteten Hütte in einer einsamen Bucht in Norwegen nördlich des Polarkreises. Für die meisten unvorstellbar, für die beiden begeisterten Surfer jedoch eine Möglichkeit, ihre Abenteuerlust und ihre Leidenschaft für den Surfsport mit dem Anliegen zu verbinden, auf die tragische Verschmutzung der Weltmeere aufmerksam zu machen.

Doch spulen wir zurück: Inge und Jørn sind von Grund auf naturbegeistert, lieben das Snowboarden und Wellenreiten und lernen sich an der Nordland Kunst- og Filmfagskole in Bodø kennen. Während einer Wanderung stoßen sie zufällig auf eine einsame und abgelegen Bucht. Doch die Schönheit dieses Ortes wird durch Unmengen von angeschwemmtem Plastikmüll beeinträchtigt. In diesem Moment entsteht die Idee für ein außergewöhnliches Projekt: Neun Monate überwintern in der Bucht, dabei aus dem angeschwemmten Strandgut eine Hütte errichten, tagsüber der Leidenschaft Surfen fröhnen und das Ganze auf Film festhalten. So beginnt eines der größten Abenteuer der beiden Anfang Zwanzigjährigen.

NEST MAG | North of the sun
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Im September 2011 geht es dann endlich los: Mit ihrem mit Pflanzenöl betriebenen Bus fahren sie durch das spätsommerliche Norwegen zur Küste, packen ihre schweren Rucksäcke und machen sich auf den Weg über die Berge zur Bucht. Ein mulmiges Gefühl bleibt ob der bevorstehenden Zeit der Abgeschiedenheit, doch trotz der Unkenrufe aus dem Freundeskreis, die beiden würden sicherlich in kurzer Zeit verrückt werden, bleiben sie optimistisch und freuen sich auf ihr ganz persönliches Abenteuer.

„Wir kommen beide aus Familien, die uns während unserer Kindheit und Jugend zu praktischen Tätigkeiten animiert haben“, berichten Inge und Jørn. Versiert sind sie nicht im Häuslebauen, doch wer wagt gewinnt und so schaffen sie in den letzten milden Herbsttagen ein wundervolles, gemütliches, wenn auch schiefes Meisterwerk. Dabei finden sie die Materialien für den Bau fast ausschließlich am Strand. Lediglich ihre Fenster – Glastüren von aussondierten Waschmaschinen – schleppen sie von einer nahgelegenen Müllhalde in ihr kleines Paradies.

Als dann der Winter beginnt, bietet ihnen ihr neues Zuhause, in das sie sogar einen kleinen Ofen eingebaut haben, genügend Schutz vor Kälte, Schnee und Wind. Trotz der kurzen Tage und langen kalten Nächte denken die beiden nie darüber nach, ihr eisiges Abenteuer frühzeitig abzubrechen. Weihnachten feiern sie zunächst in der Hütte, sogar mit einem eigenen Christbaum, den sie auf der anderen Seite der Berge, die die Bucht umschließen, gefunden haben.

NEST MAG | North of the sun

In den wenigen Stunden der Dämmerung, die Inge und Jørn in dieser Gegend nördlich des Polarkreises in den Wintertagen bleiben, müssen sich die beiden entscheiden, ob sie sich in die eisigen Fluten stürzen oder ihre Zeit darauf verwenden, Holz zu sammeln und zu hacken. Denn eines haben sie sich fest vorgenommen: Der Ofen darf bei Temperaturen zwischen -10° und -15° Celsius nicht mehr ausgehen. Neben den vielen kleinen Reparaturen und Verbesserungen an ihrer Hütte, dem Holzhacken, Surfen und Schmökern in Einsteins „Relativitätstheorie“, Jørn Abendlektüre, bleibt nur wenig Zeit, über den Sinn oder Unsinn ihres Unterfangens nachzudenken, so dass morgens nach dem Aufwachen
und abends vor dem Einschlafen nur ein Gedanke bleibt: „Is there surf…? Is there going to
be surf tomorrow?“

Würde ich neun Monate ins Nirgendwo fahren, ja, vielleicht würde ich Bilder meiner Lieben einstecken und diese in besonders einsamen Momente hervorholen, um mir mein schönes, warmes und familiäres Zuhause vorzustellen. Doch in der Hütte hängen nicht Bilder von Freunden und Familie, sondern von König Harald V. und Königin Sonja von Norwegen. „Es ist Tradition in Norwegen“, verraten mir die beiden, „Bilder des Königspaares auf den Außentoiletten aufzuhängen.“ Diese Tradition rühre daher, dass man, als man sich noch mit Zeitungspapier den Hintern abwischte, die Bilder von König und Königin zuvor aus der Zeitung herausriss und aufhing, um diese nicht als Toilettenpapier verwenden zu müssen.
Mit den Bildern des Königspaares, die Jørns Vater den beiden Abenteurern vor ihrer Abreise mitgab, dekorieren Jørn und Inge nicht nur das Innere ihrer Hütte, sondern auch ihr stilles Örtchen. Obwohl das Königspaar den prominentesten Platz in der Hütte findet, haben die beiden Freunde und Familie natürlich dennoch vermisst.

NEST MAG | North of the sun
NEST MAG | North of the sun
NEST MAG | North of the sun
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Warum Inge und Jørn neben ihren Freunden und Familien auch frisches Gemüse über die Maßen vermissten, wird klar, wenn man ihre Ausbeute von einem der Ausflüge zum nächsten Supermarkt betrachtet: Möhrenkuchen, Fleischbällchen, Kartoffelbrei… eben alles, was sich hält und abgelaufen ist. Denn abgelaufene Lebensmittel sind günstige Lebensmittel, zumindest in dieser Gegend Norwegens.

Während der neun Monate sammelten die beiden insgesamt drei Tonnen Müll, der an den Strand gespült wurde. Vieles davon unbrauchbar, manches durchaus seltsam, wie zum Beispiel ein großer gelber Kunststoffpfahl, der – so vermuten die beiden – zur Messung von Wasserständen oder Wellen verwendet worden war. Aber auch Zäpfchen, Kondome, frische Zitronen und insgesamt fünf Flaschen mit Botschaften von Kindern, die aus den Klauen gefährlicher Piraten befreit werden wollten oder einfach nur ein kleines Gedicht verfasst hatten, fanden sich unter den angeschwemmten Kuriositäten. Das ein oder andere Fundstück erwies sich dabei als überaus brauchbar für den Ausbau der Hütte. Am
nützlichsten sei eine sehr große Plastikplane gewesen, die sie zur Abdichtung der Hütte
verwenden konnten.

Längst sind Inge und Jørn wieder im Warmen angekommen. Doch mehrmals im Jahr kehren sie zurück in ihre Bucht, übernachten in der kleinen Hütte, die immer noch steht und vielen zufälligen Besuchern Unterschlupf bietet, und genießen die Einsamkeit und die guten Wellen.

Doch auch wenn Inge als frischgebackener Vater nun eine Weile auf größere Projekte verzichten muss, wartet das nächste Abenteuer schon. Zurzeit arbeitet er bereits an seinem neuesten Filmprojekt „The Bear Island“. Wie nicht anders zu erwarten, sucht er auch hier – zusammen mit seinen beiden jüngeren Brüdern – nach der perfekten Welle am Ende der Welt.

Doch eines möchte ich noch wissen: Was bedeutet für Inge und Jørn ein Zuhause, ein Nest, und was brauchen sie, um sich wohlzufühlen? Beide sind sich einig, dass ihr Unterschlupf vor allem warm, hoch genug, um sich nicht den Kopf zu stoßen und zudem gemütlich sein sollte. Auch eine Zahnputzmöglichkeit, ein Ofen zum Kochen, Fenster und ein wenig Platz zum Aufbewahren von Holz und um sich die Beine vertreten zu können,
stehen auf der Liste der beiden. Sollten sie jedoch länger an einem Ort bleiben wollen, dann – so fügen sie schließlich hinzu – könnten sie sich durchaus vorstellen, ihre Liste um einige weitere Kriterien zu erweitern.

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