Mit dem Hausboot unterwegs auf Australiens Flüssen

Spaziergänger bleiben erstaunt am Ufer stehen, kleine Kinder juchzen vor Begeisterung und der ein oder andere mag denken, er sieht nicht richtig, wenn Frank Turton, bekannt als der Chookman (zu Deutsch „Hühnermann“), mit seinem wundersamen Hausboot den Murray River hinaufschippert.

Träume leben

Frank ist mittlerweile 74 Jahre und denkt noch lange nicht daran, sesshaft zu werden. Denn wächst man nicht sein ganzes Leben lang und nicht nur als Kind auf, um neue Erfahrungen zu sammeln? Mittlerweile ist es fast 15 Jahre her, dass Frank sein Rentenalter erreichte und beschloss, nicht einfach die Füße im kuschligen Heim hochzulegen und auf den Tod zu warten, wie er sagt, sondern sich ins Leben zu stürzen und seinen großen Traum vom Hausboot in die Tat umzusetzen.

Alles beginnt

Es ist ein Tag wie jeder andere als Franks Geschichte in Rochester (Victoria) beginnt. Frank ist 5 oder 6 Jahre alt und schwänzt einmal wieder die Schule, denn sicherlich kann man draußen im Freien etwas Spannenderes erleben als eingesperrt im Klassenzimmer. Und so macht sich der kleine Frank auf den Weg, findet ein altes Stück Wellblech und schmiedet einen Plan: Wie wäre es wohl, aus dem alten Blech ein Floß zu bauen und sich in die Fluten des Flusses zu stürzen? Fix wird das Blech gebogen und in der Mitte zusammengebunden und auf geht’s zum Wasser. Frank paddelt und paddelt, doch die Fahrtauglichkeit seines ersten Floßes lässt zu wünschen übrig und so sinkt es nach einigen Metern. Aber das Wichtigste: Ein Traum ist geboren.

Gitarren und Toiletten auf dem Murray River

Vermutlich hielt ihn das Sinken seines ersten Floßes für die nächsten Jahrzehnte davon ab, sich erneut aufs Wasser zu begeben. Da Träume sich jedoch nicht einfach so begraben lassen, startet er nach langer Zeit einen weiteren Versuch, die Flüsse Australiens unsicher zu machen. Ein normales Floß wäre Frank sicher zu einfach gewesen und so baut er ein schwimmendes Gefährt und nennt es „The fastes dunny on the Murray“ (zu Deutsch „das schnellste Klo auf dem Murray River“). Und ja, es war tatsächlich eine Toilettenschüssel auf einem Floß mit einem Außenmotor.
Es folgte ein Floß aus zwei überdimensionierten nebeneinander gelegten Gitarren, eine Hommage an seine leidenschaftliche Begeisterung für die Musik und das Gitarrenspiel Johnny Cashs, den er 1954 als Kind zum ersten Mal hörte und später sogar persönlich traf. Sechs Tage war er auf seinen Gitarren auf den Gewässern unterwegs und während er die Natur und die Einsamkeit genoss, die Vögel vorbeifliegen sah, schrieb er eines der in den Pubs der Gegend wohl bekanntesten Liedern: „If I had wings“.

Rotgummibaumwurzel

Während Frank also mit unterschiedlichen Flößen und Booten auf dem Murray River auf und ab fuhr, sah er 1984 eines Tages vom Wasser aus auf einer Sandbank die riesige Wurzel eines Rotgummibaums, zu schön, um sie einfach liegen zu lassen. Frank, der zu diesem Zeitpunkt aus Naturhölzern Souvenirs fertigte, hatte etwas gefunden, das mit Sicherheit Touristen in seinen Heimatort Paringa locken würde. Mit großem Aufwand wurde die riesige acht Tonnen schwere Wurzel mit einem Durchmesser von etwa acht Metern über den Murray River nach Paringa gebracht, wo sie zunächst in einer der Werkstätten von Frank zu sehen war. Später übergab er die Wurzel als Touristenattraktion der Stadt. Sie ist einer der größten der elf so genannten Black Stumps in Australien und etwa 600 Jahre alt. Bis heute hat sie Tausende Besucher angelockt.

Eine Vision entsteht

Die Jahre ziehen ins Land, Frank tourt mit seinem bunten Wohnwagen inklusive Hühnerstall durch die Gegend, spielt in den Pubs immer mit einem Huhn auf dem Kopf – dieser Eigenheit entspringt auch sein Spitzname „The Chookman“ – seine Lieder. Doch in seinem Kopf fügt sich jeden Tag Stückchen für Stückchen die Vision eines richtigen Hausbootes zusammen. Nicht nur ein Floß sollte es sein, untergehen sollte es am besten auch nicht, Tische und Stühle sollten an Bord sein, damit Menschen, die er unterwegs treffen würde, bei ihm einen Tee trinken und er ihnen ein paar Lieder auf der Gitarre vorspielen könne. Irgendwann hat er eine ganz konkrete Vorstellung davon, wie sein Hausboot aussehen solle und machte sich ans Werk. Seitdem wachte er an vielen Morgen voller Vorfreude auf sein Hausboot auf und war immer wieder enttäuscht, dass es noch nicht fertig war.

Vom Traum zur Realität

In der Folgezeit machte sich Frank auf die Suche, nach verrosteten Regenwassertanks auf Schrottplätzen, nach Überbleibseln seiner Flöße, die sich bei ihm im Garten stapelten. Die Materialien für sein Hausboot stammen von hier und dort, einzig die beiden Schwimmpontons, die das Boot tragen, erstand er neu für jeweils 15.000 australische Dollar. Denn eine wichtige Regel sei, so Frank, auf ein gutes Fundament zu bauen. Erst dann seien die Möglichkeiten für den eigentlichen Bau unbegrenzt.
Insgesamt arbeitete Frank fast sieben Jahre an der Realisierung seines Bootes. Bei der Wasserlassung ist halb Paringa anwesend, begutachtet das Spektakel vom Campingstuhl aus mit einem Bier in der Hand. Paringas Anwohner kennen Frank schon lang und wundern sich über gar nichts mehr. Einer der glücklichsten Menschen sei er, denn er lebe seinen Traum.

Das Hausboot

Doch wie schaut es an Bord aus? Es gibt ein Oberdeck und ein Unterdeck. Auf dem oberen Deck befinden sich die weithin sichtbare Windmühle, deren Rotorblätter sich so schnell drehten, dass sie stillgelegt werden musste, und das Heißwassersystem. Zur Erwärmung des Wassers durchlaufen die Rohre den Holzofen, eine der sinnvollsten Anschaffungen für das Boot. Denn so hat Frank, wann immer ihm danach ist, warmes Wasser an Bord. Neben dem Ofen befinden sich fast sämtliche andere Ausbauten auf dem Unterdeck. Auf der einen Seite des Bootes baut Frank Gemüse und Kartoffeln an, von einer Stelle aus lässt es sich besonders gut fischen. Aus Regenwassertanks hat er sich eine Kajüte zum Schlafen gebaut, einer seiner liebsten Orte auf dem Boot, im Steuerhaus finden sich einige technische Gerätschaften und das Steuerrad. Auf beiden Seiten des Bootes drehen sich Schaufelräder, mehr der Optik wegen. Seine Kombüse sei sehr niedrig, merkt der ein oder andere Besucher an, doch Frank winkt dann ab und meint, er nutze sie sowieso nicht häufig, da der Abwasch nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehöre. Skurril erscheinen mögen die in Büstenhaltern wachsenden Melonen und Kürbisse, doch praktisch sei dies allemal, so Frank.
Aus Abertausenden Glassteinen hat Frank in insgesamt 1500 Stunden Arbeit einen Glasbaum gebaut, sein ganzer Stolz. Die Scherben klimpern im Wind und bei seinen Auftritten vom Boot aus, nutzt er den Glasbaum als Percussion-Instrument.

Und nun?

Einige Jahre sind seit der Fertigstellung des Bootes vergangen und auch heute noch verbringt Frank die meiste Zeit auf dem Wasser, liegt manchmal in Paringa am Ufer, fährt mal stromaufwärts zum Mildura Country Music Festival oder stromabwärts bis nach Mannum. Den Murray River zu befahren, die Natur erleben zu dürfen, kommt dem Gefühl von Freiheit in seinen Augen am nächsten. Und fertig sei sein Hausboot auch noch lange nicht, vielleicht sei es das nie. Irgendetwas könne man immer noch ergänzen. Frank hat die Zeit auf seinem Boot genutzt und Songs für ein Album geschrieben: „Live before I die, give before I go“, soll es heißen.


Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle natürlich bei Frank, der sehr ausführlich und mit viel Begeisterung auf meine Fragen geantwortet hat. Auch Russell Holdsworth gebührt ein großer Dank, da er zu weiten Teilen als Kommunikationsübermittler eingesprungen ist. Und zu guter Letzt ein großes Dankeschön an Marc Cousin: Marc hat Frank zweimal in Australien besucht, ihn über mehrere Wochen begleitet. Von Marc stammen sämtliche Fotos dieses Artikels sowie der Film „The Chookman“. Erst über diesen Film bin ich auf Frank Turtons wundersames Hausboot aufmerksam geworden.

Hier findet ihr weitere Informationen zum Filmprojekt von Marc Cousin: https://the-chookman.com/about/

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