Ankommen

Wir sind in Bewegung. Immer und egal, wo man gerade hinsieht. Vielleicht mag es noch einen kleinen Unterschied machen, ob man aus dem zweiten Stock auf den Verkehr der ewigen Baustelle Kriegsstraße in Karlsruhe hinabschaut oder auf die flimmernden, überfüllten Kreuzungen Neu Delhis, aber das Szenario ähnelt – Gedrängel, Unruhe, Menschen, die aneinander vorbeirauschen. 

Bei all der Bewegung, die man permanent und Tag für Tag erlebt, scheint es schwer vorstellbar, dass sich Menschen tief im Inneren eigentlich doch nach einem festen Rückzugsort sehnen. Ein Ort zum Erden, um wieder zu sich zu finden, nach dem lauten Getöse, den permanenten Einschlägen der Außenwelt. Und doch ist das Paradoxe daran noch gar nicht ausgesprochen: ist man einmal eingekehrt in seinem Nest, möchte man es oft so schnell wie möglich auch wieder verlassen. Gerade in jungen Jahren zieht einen das Leben außerhalb seiner weißen Wände magisch an, die Gefahren und wunderschönen Risiken des Draußen verzaubern, lassen einen in Gedanken gar nicht mehr los. Dem Zeitgeist entsprechend möchte man immer mehr, mehr als ein Zuhause, möchte sich, wie es so schön heißt, überall daheim fühlen. Die Routine gibt uns Ruhe und ein Gefühl der Sicherheit, aber der Nomade in uns wispert leise flehend nach mehr. Er weiß um die atemberaubenden Reizüberflutungen, die das neue Unbekannte mit sich bringt, mit markanten Atemzügen greift er süchtig danach. Wie könnte man anders, als letztendlich nachzugeben. 

Viel zu oft beschleicht mich jedoch die Angst, das Schöne außerhalb meiner Fenster gar nicht mehr richtig greifen zu können. Bedingt durch die Fluten an Impressionen, die einen medial überschwemmen, ohne dass man sie vorher selbst je fühlen und mit allen Sinnen erleben konnte, habe ich immer mehr das Gefühl von Völle durchgehend erdrückt zu werden. Ich bin vollgestopft mit Bildern, die nicht zu mir und meinen Erfahrungen passen. Es fühlt sich für mich so an, als ginge es schon lange nicht mehr darum, neues und eigenes auf der Welt zu entdecken – vielmehr darum, nachzufühlen, ob die angestauten fremden Bilder ihre Versprechungen halten. Und genau diese eingetrichterten Erwartungshaltungen, durch zu perfekte Fotos und zu perfekten Farben, nagen an mir und hemmen Stück für Stück meinen Hunger. Sie schüren zeitgleich meine Panik, nicht vollends im Reisen aufgehen zu können. Tschüss Kulturschock. Tschüss Überraschungseffekt. 

Wie soll ich so lernen, die eigentliche Schönheit der Welt aufrichtig zu schätzen? Und wie kann ich dann je die nötige Hingabe und Dankbarkeit für ein Zuhause aufbringen? 

Die Grenze zwischen beidem verschwimmt zunehmend in einem seichten Nebeldunst. Die schöne, bunte, überwältigende Seite der Welt dort draußen schockt und überrollt mich nicht mehr genug, als dass ich meinen Rückzugsort mit jeder Faser benötigen würde. Wahrscheinlich ist das auch nur meine ganz individuelle, verzogene Wahrnehmung. 

Wenn ich mir genau überlege, wie viele verschiedene Nester ich in meinem Leben schon beherbergt habe und wie selbstverständlich mir doch jetzt die Wechsel zwischen ihnen vorkommen, möchte man meinen, die Suche nach dem eigenen Wohlfühlort sei doch gar nicht so schwer.
Es ist mir vertraut mich umzugewöhnen, neu einzustellen, mich anzupassen. Seit meiner Geburt wechsle ich regelmäßig zwischen zwei Städten hin und her, zwischen meinen Eltern sowieso und ein paar Mal auch innerhalb diverser neuer Partner meiner beiden Eltern selbst. Die emotionale Bindung an die Quadratmeter zwischen meinen vier Wänden fällt vielleicht gerade deshalb nicht mehr sonderlich stark aus. 

Aber kaum mal angekommen, bin ich nächstes Jahr volljährig und muss zwangsweise meine eigenen Wurzeln schlagen, da meine Mutter ihre neu im Ausland ansiedelt. Ein Gefühl von tabula rasa bahnt sich an, ein leer gefegtes Schachbrett, bereit für den ersten neuen Zug. So sitze ich vor der
Weltkarte, sie erscheint mir flach wie eh und je, offenbart nichts über ihre verborgenen Orte, obwohl innerlich doch wieder all diese Bilder in meinem Hinterstübchen flackern. Der erste Zug brennt mir in den Fingerspitzen, doch wie beginnt man denn nun den ersten Schritt? Wie findet man den idealen Platz für sein Nest? 

Ich gebe dem Globus vor mir einen Ruck, er dreht und dreht sich, kommt so wie ich nie zum Stillstand. Wir laufen um die Wette. Komm und versuch es, lern mich kennen. Du denkst, du würdest schon alles über mich wissen, aber das wirst du niemals schaffen, dafür sind deine Grenzen zu greifbar. Verschwende deine Zeit mit mir!

Ich bin in Bewegung. Ich bewege mich permanent, von A nach B, zwischen Routine und feuriger Sprunghaftigkeit. Wie eine Süchtige versuche ich das Gefühl aus der Luft aufzufangen, das Herzklopfen, das Adrenalin, den inneren Salto. Dieses unbeschreibliche Gefühl, dass mir das Neue, Unberechenbare gibt, treibt mich voran, es lässt mich mutig weiter schreiten. Immer auf der Suche nach dem nächsten Absprung. 

Und ich weiß, ich werde irgendwann im Später eine Pforte öffnen. Mein eigenes, kleines, quietschendes Tor zu meinem Nest. Wahrscheinlich wird es ganz viel still um mich herum sein, sodass ich beinahe den Strahlen der Sonne lauschen kann. Vielleicht wird das dann bereits das hundertste Nest sein, dass ich bezogen habe, wer weiß. Für das Gefühl von Zuhause und Geborgenheit braucht es nicht viel. Es ist gerade einmal so groß, dass ich es getrost und behutsam in meinen Rucksack einpacken kann. Und von Zeit zu Zeit werde ich mich daran erinnern und es freudig erwartend hervorholen. Aber jetzt ist es an der Zeit, erstmal aufzubrechen. Vielleicht muss man sich in den Weiten der Welt verlieren, um den Ort zu finden, der einen wahrhaftig ankommen lässt.