„Die Krone der Schöpfung“ von Lola Randl

Wie verschwommen die eigenen Erinnerungen an die Anfänge der Epidemie sind, wie sehr der Schock über den weltweiten Ausnahmezustand in Vergessenheit geraten ist, erfährt man beim Lesen von Lola Randls Roman „Die Krone der Schöpfung“. Die Erzählerin lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf in der Uckermark. Staunend berichtet sie über den Ausbruch und seine spürbaren Auswirkungen dort. Man begegnet irrationalen Ängsten und einer misstrauischen Nachbarschaft, erfährt von Schuldgefühlen und beschwerlichem Homeschooling. Der Roman lebt von skurrilen Alltäglichkeiten. Und die gelungene Mischung aus Distanz und Naivität schafft es, dass der Leser sich irgendwann über nichts mehr wundert.

Im Roman stößt man auf lexikalische Erlebnisse. So verdanke sich der Name der größten digitalen Suchmaschine der Welt einem Rechtschreibfehler. Eigentlich sollte sie googol heißen. Da die Erzählerin weder im belehrenden noch überheblichen Stil berichtet, befeuern ihre Recherchen den eigenen Wissenshunger. Man lernt mit angenehmer Leichtigkeit über Leberegel und Liveticker. Für Sympathie und Nahbarkeit sorgt der Umstand, dass sie sich fortlaufend Unwissenheit einräumt. An manchen Stellen gipfeln ihre Gedanken in hypochondrischen Anfällen. Die werden dann abrupt von einer Selbstironie gebremst, welche den Ernst der Lage jedoch nicht verkennt. Denn ihr selbst lauert das Virus. Aber all ihre Unternehmungen ihn einzudämmen, scheitern auf klägliche Weise. 

„Sie wollte ihn erst verscheuchen, weil sie es sich insgeheim verboten hatte, Ideen für die Zukunft zu spinnen. Aber der einmal gedachte Gedanke ließ sie keinen Schlaf finden.

Das Buch gestaltet sich aus aneinander gereihten Fragmenten, die einer chronologischen Ordnung folgen. Die kurzen Sequenzen erlauben eine Gleichzeitigkeit verschiedenster Phänomene. Ob Schneckenbeerdigung oder mediale Manipulierbarkeit, Bokashi oder Versandhandel – die Erfahrungswelt der Erzählerin hält nichts zurück. In den Text mischen sich Drehbuchszenen einer Zombie-Serie, mit der die Erzählerin von Amazon beauftragt wurde. Wie gerufen kommt da das Virus um die Ecke, das sie als Aufhänger für das Skript verwertet. 

Getrieben von einer Neugier nach wissenschaftlichen Erkenntnissen, recherchiert sie weiter über Saugwürmer und bewundert das Immunsystem von Fledermäusen. Ab und zu driftet ihre Neugier ins Infantile ab. Dann möchte sie herausfinden, wie schnell man einem davonlaufenden Hasen mit dem Auto hinterherfahren kann. Fazit: Wenn es unter den Rädern rumpelt, war man wohl zu schnell. Das anschließende Genickbrechen des noch lebenden Tieres ist ein Kinderspiel.

Auch die zwischenmenschlichen Beziehungen kommen in dem Roman nicht zu kurz. Da es der Erzählerin an Eitelkeit fehlt und ihre Naivität sich zusehends offenbart, deutet man den kleinen Seitensprung mit dem Nachbarn nicht als Intrige, sondern lastet ihn der fremdgesteuerten Zerstreuung durch das Virus an. Es geht nicht nur um Liebhaber, Kinder und Nachbarn. Ein anderer Schauplatz zeigt einen Cola Light trinkenden Trump. Man kann ihm dabei zusehen wie er auf dem Bett liegt und twittert. Oder wie eine Talkshow-Moderatorin eine barfüßige Auszeit nimmt. Wer wissen möchte, wie das mit Bokashi und Zombies in Einklang kommt, sollte dringend das Buch lesen.