Die Macht der Würmer

In der Flurstrasse, mitten in Zürich, versuchen Erich Fässler und sein Team den Wurm salonfähig zu machen. Vor fünfzehn Jahren zog Erich aus dem vorstädtischen Adliswil in die Großstadt, um Umweltingenieurwesen zu studieren. Schnell stellte er sich die Frage, was er mit seinem organischen Abfall anstellen soll, von dem er gewohnt war, ihn an den Gartenkompost der Mutter zu verfüttern. Die Stadt bot keine Gelegenheit, ihn auf landläufige Weise zu entsorgen. Also organisierte er eine Handvoll Würmer und tat sie ohne viel Nachdenken mit seinen Essens- und Pflanzenresten zusammen in einen selbst gebauten Kübel. Was dabei herauskam, sorgte für Staunen. 

Der Blick aus dem Fenster des Büros von WormUp rückt die Bemühungen, nachhaltige Strukturen zu festigen, in ein absurdes Licht: Draußen wird ein Park zerstört, Bäume werden reihenweise geschreddert und LKWs transportieren große Mengen Schrott durch die Gegend. Das Szenario kündigt die Entstehung gigantischer Wohnkomplexe an. Mit dem Baustellenlärm im Hintergrund wird hier überlegt, wie man organischen Hausmüll in einen Kreislauf einbettet. Auf den Tischen stehen verschiedene Gefäße aus Ton, gefüllt mit Kompost oder Pflanzen, hier und da kleine Reserven an Mineralien und Würmern. Die Herbstsonne scheint ins Büro und Erich schließt die Fenster, um den Lärm draußen zu lassen.

Als Erich damals nach einer Weile in den Kübel blickte, hatten sich die Würmer durch seinen Biomüll gefressen und ihn um das Zehnfache minimiert. Was nun feucht zwischen seinen Fingern bröselte, war nährstoffreicher Humus, der sich als optimaler Pflanzendünger erwies. Er mischte ihn mit Erde und säte darin Saatgut. Auf seinem Balkon sprossen prächtige Pflanzen, die geschmackvolle Früchte trugen. Verloren die Pflanzen Blätter, tat er das abgestorbene Material wieder in den Kübel. Die Würmer machten daraus erneut Humus. Erichs Neugier und Tatendrang ließen die Idee eines anwendbaren und natürlichen Stoffkreislaufes heranreifen. In Zusammenarbeit mit seinen heutigen Kollegen und Kolleginnen formvollendete er seine Idee und gemeinsam erarbeiteten sie ein Kompostiersystem aus hochwertigen Naturmaterialien.  

Die Idee vom eigenen Humus klingt verlockend. Er macht den Boden fruchtbar, die Pflanzen gesünder, das Wasser reicher. Doch auch global gesehen hat Humus eine weitreichende Bedeutung. Er kann nichts Geringeres, als dazu beizutragen den Temperaturanstieg einzudämmen.

Die Idee vom eigenen Humus klingt verlockend. Er macht den Boden fruchtbar, die Pflanzen gesünder, das Wasser reicher. Doch auch global gesehen hat Humus eine weitreichende Bedeutung. Er kann nichts Geringeres, als dazu beizutragen den Temperaturanstieg einzudämmen. Der fruchtbare Boden ist in der Lage, CO2 zu binden, ihn somit aus der Atmosphäre zu ziehen. Dafür sorgen viele Kleinstlebewesen. Es klingt absurd, ist jedoch wahr: Humus kann Emissionen in Teilen kompensieren. Er bildet den größten terrestrischen Speicher für organischen Kohlenstoff. Würde man in großem Maße Humusaufbau betreiben, könnte wesentlich mehr CO2 aus der Atmosphäre gebunden werden.

Was wie ein Traum anmutet, funktioniert genauso in die andere Richtung: Baut man Humus ab, verliert man organischen Bodenkohlenstoff. Das Klimagas CO2 wird freigesetzt und gelangt in die Atmosphäre. Doch die Menschen werden mehr und der Bedarf nicht weniger. Bei vielen Landwirten greift da der Pragmatismus: in kurzer Zeit viel produzieren. Es kommt zu Monokulturen, die wiederum zum Abbau von Humus in Ackerböden führen. Mit der intensiven Landnutzung geht ein Verlust an fruchtbaren Böden einher. Beschleunigt werden die degenerativen Prozesse durch chemischen Dünger, maschinelle Verdichtung und Pestizide.

Erich hebt den obersten Deckel des Komposts. Das ganze Konstrukt besteht aus atmungsaktivem Ton, hergestellt in einer traditionellen Tonmanufaktur. Beim genauen Hinschauen kann man sehen, wie sich hier und da Würmer zwischen den Abfällen hindurchschlängeln. „Für eine gelingende Kompostierung ist es ratsam die Intention zu vertauschen: Man schafft sich in erster Linie kein System zur Abfallverwertung an, sondern Haustiere: die Würmer. Wenn es den Würmern gut geht, hat man die besten Voraussetzungen für eine effiziente Verwertung. Sie ist lediglich ein schöner Nebeneffekt.“ Man könne nicht wahllos alle organischen Abfälle in Massen in den Kompost werfen. Fleisch und Milchprodukte stehen an unterer Stelle auf dem Speiseplan der Würmer, über Fruchtabfälle und Kaffeesatz hingegen freuen sie sich umso mehr. Erich zerkleinert mit einer Schere eine alte Zimmerpflanze. „Würmer haben keine Zähne“, erwähnt er, während das Schnittgut auf den Kompost rieselt.

Ungesundes Wachstum

Für rund zwölf Prozent der globalen Treibhausgasemissionen sorgt die industrielle Landwirtschaft. Wachstum braucht Beschleunigung. Eine große Rolle spielt der synthetische Dünger, der unter anderem Phosphor enthält. Und bei Phosphat handelt es sich um eine endliche Ressource. Es herrscht großer Unmut über dessen Abbau in Marokko. Oft sind diese Orte nicht zugänglich für die Öffentlichkeit, da dort unter sklavenähnlichen Bedingungen gearbeitet wird. Hinzu kommt die Tatsache, dass zwischen Phosphat und Uran eine große Affinität besteht. Wo Phosphor vorkommt, so Erich, könne man davon ausgehen, dass auch radioaktives Uran vorhanden ist. Beim Erzeugen des Düngers wird es oft in großen Mengen mit angereichert. Je länger wir also mit synthetischem Dünger arbeiten, umso mehr verseuchter Boden muss abgebaut werden. Einen Grenzwert für Uran im Boden gibt es nicht.

Die Macht der Würmer

„Für eine gelingende Kompostierung ist es ratsam die Intention zu vertauschen: Man schafft sich in erster Linie kein System zur Abfallverwertung an, sondern Haustiere: die Würmer. Wenn es den Würmern gut geht, hat man die besten Voraussetzungen für eine effiziente Verwertung.“

Erich Fässler

Bewusstsein schaffen für eine nachhaltige Kompostierung

Für Erich und seine Kollegen ist es wichtig ein erlebbares Bewusstsein beim Normalverbraucher zu schaffen. Man könne natürlich auch großtechnisch und zentralisiert denken, aber in erster Linie sei es reizvoller beim Individuum anzusetzen. Je mehr man erreiche, desto stärker wird das Umdenken und die Motivation größer eine große Bewegung anzustoßen. Mit dem WormUp System kann man den Abfall an Ort und Stelle in Energie umwandeln. Das Aus-den-Augen-aus-dem-Sinn-Prinzip wie bei der konventionellen Müllentsorgung funktioniere dann nicht mehr. Man sieht, was mit dem Müll passiert und vor allem, welche Mengen man produziert. „Das schärft das Bewusstsein ungemein“, erklärt Erich, „für eine autarke Lösung ist dieser dezentrale Weg entscheidend.“

Die Wurmkompostierung genießt – verglichen mit anderen Arten der Kompostierung – tendenziell wenig Anerkennung. Eine großflächige Kompostanlage dieser Spezies lässt sich nur in den USA finden. Da sie viel Fläche benötigt, schrecken immer noch viele vor dem Kompostieren mit Würmern zurück. Doch sie im großen Stil zu betreiben, wäre eine erstrebenswerte Form, um organisches Material im Boden einzulagern, damit mehr CO2 aus der Atmosphäre gebunden werden kann. Mehr Humus würde bedeuten, den Klimawandel zu entschleunigen.

Die Macht der Würmer

Von großen Visionen

Neben den Atelierpflanzen florieren in der Flurstraße auch die Visionen. In der Schweiz werden jährlich etwa 500.000 Tonnen biogene Abfälle produziert. Bisher landet der Großteil in der Müllverbrennung. Um das brauchbare Material vor der Vernichtung zu retten, forciert WormUp nun eine Kooperation mit Supermärkten: Ein Teil dieser Abfälle soll mithilfe der Wurmkompostierung zu Dünger umgewandelt werden. Diesen Dünger könnten die Märkte anschließend wieder verkaufen. Außerdem wird sich bei WormUp darum bemüht die Kompostsysteme zukünftig in die Architektur zu integrieren. Bei einigen Architekten sind die Komposter bereits auf Begeisterung gestoßen. Das liegt nicht zuletzt am Design, für das sie im Vorjahr eine Auszeichnung erhielten. Das, was man gerade in der Flurstrasse zu sehen bekommt, ist erst der Anfang. Nun bleibt zu hoffen, dass sich der Wurm als Haustier etabliert. Und sich mit der Zeit das schwarze Gold global vermehrt.