Der duftende Fjord

In einem abgelegenen Städtchen in den Ostfjorden Islands lebt Philippe Clause in einem kleinen hellblauen Haus mit typisch isländischer Wellblechfassade. Hier hat er vor einigen Jahren den Pop Up Shop ESUALC eingerichtet, sein Nest, in dem er wollene Kunstwerke häkelt und an Touristen aus aller Welt verkauft, die sich vor allem im Sommer in diesen abgelegenen Winkel Island verirren. Mit seinem künstlerischen Projekt THE SCENT BANK versucht Philippe aktuell die Düfte der Gegend einzufangen.

Mit 24 Jahren lässt Philippe Clause sein Leben in Paris hinter sich und zieht nach Island, tauscht die vibrierende Metropole gegen einen Neuanfang auf der kargen Insel im Norden. In Reykjavik angekommen schlägt er sich mit diversen Nebenjobs durch, jobbt in Bars, lernt dort kreative Köpfe kennen, bringt es letztendlich zum Shop-Manager einer großen Modekette und arbeitet in einem angesagten Second-Hand-Shop. Hier besinnt er sich zurück auf seine kreative Ader – in Paris hatte er bereits Schauspiel und Gesang studiert – und beschließt, sein Leben erneut umzukrempeln, Reykjavik zu verlassen und auf der gegenüberliegenden Seite der Insel, in den abgelegenen Ostfjorden, seine eigene kleine Galerie zu eröffnen.

Ich besuche Philippe an einem für isländische Verhältnisse außergewöhnlich sonnigen Tag genau hier, in dem kleinen abgelegenen Städtchen Seyðisfjörður in den Ostfjorden. Der Ort ist Dreh- und Angelpunkt des kreativen Lebens in der Region. Hier findet jährlich das LungA Art Festival (https://lunga.is) statt, hier flaniert man in der Fußgängerzone zwischen kleinen Häuschen, in denen sich Galerien, Handwerksbetriebe und Cafés verstecken. Auch Philippe wohnt in einem dieser kleinen Häuschen. Häkelnd sitz er hinter dem selbst gezimmerten Verkaufstresen, in den Fenstern seiner kleinen Galerie hängen Pflanzentöpfchen, an den Wänden Philippes gehäkelte Kapuzenschals. Im hinteren Teil der Galerie hat Philippe einen Dampfdestillator aufgestellt, Teil seines neuen Projektes THE SCENT BANK.

Einen Sommer des Experimentierens nennt Philippe diesen Sommer 2016. Ganz konkret experimentiert er mit den unterschiedlichen Arten der Duftgewinnung: da wären zum einen die Dampfdestillation und die Extration mit Hilfe von Ölen und zum anderen die alte Technik der Enfleurage, bei welcher aus Blütenblättern Düfte gewonnen werden. Dabei soll im Rahmen dieses als Kunstprojekt angelegten Vorhabens eine Duftdatenbank entstehen, die unter anderem die Düfte der Region und des Fjords, in dem Philippe lebt, widerspiegelt.

Heute sind Pinienzapfen im Wasserdampfdestillator. Und fast jeder Besucher der kleinen Galerie zeigt sich fasziniert von Philippes Projekt. Nicht nur konzentrierte Düfte werden hergestellt, sondern auch Hydrolate, Duftwässer in verschiedenen Kompositionen, welche wiederum in Philippes Shop verkauft werden.

Ihren Weg in den Dampdestillator finden gesammelte Kräuter, Algen und Zapfen, aber auch die im Gewächshaus bei kaltem isländischen Klima mühsam mit Hilfe eines hydroponischen System gezogenen Pflänzchen.

Alles in allem füttert sich das System selbst, es ist ein Kreislauf, erklärt mir Philippe. Die Galerie dient dazu, einen Grundstock an finanziellen Mitteln durch den Verkauf von Häkelwaren aufzubauen. Das verdiente Geld wiederum wird genutzt, um Samen und Materialien für die Pflanzenzucht zu finanzieren. Nachdem die Pflanzen gewachsen sind werden sie für die Duftgewinnung genutzt und einige Duftwässer später wieder im Shop verkauft. Ein sich selbst nährender Kreislauf.

Ob er Paris vermisse, ob Seydisfjördur in den langen Wintern, in denen das Städtchen teils von der Außenwelt abgeschnitten ist, vielleicht ein zu einsamer Ort ist auf Dauer, verneint Philippe vehement. Die von Künstlern besiedelte Stadt in den Ostfjorden und ihre Bewohner sind längst zu einem Zuhause geworden. Abseits von Hektik und Stress größerer Städte bieten hier die langen Winter viel Zeit und Ruhe, um neue kreative Ideen auszuhecken.