Kreativer Mikrokosmos
in der Uckermark

Wohnt man in der Stadt, bekommt man die Gentrifizierung von immer mehr Stadtvierteln hautnah zu spüren. Auf der anderen Seite macht sich eine zunehmende Eroberung alter Landstriche bemerkbar. Ein solcher Landstrich ist Gerswalde. Hier ist Lola Randl, Filmregisseurin und Schriftstellerin, seit über einem Jahrzehnt zuhause. Als sie von Berlin auf’s Land zog, haben sich neben ihrem Lebensmittelpunkt auch die Themen ihrer Arbeit verschoben. Ihre letzten Filme und Bücher fangen auf experimentelle Weise das Landleben ein. Bei ihren Protagonisten handelt es sich nicht selten um urbane Charaktere, die sich mit dem provinziellen Realismus vertraut machen. Sie bewegen sich zwischen Naivität und Erkenntnis, Scheitern und Gelingen, Enthusiasmus und Ernüchterung. Ihre Werke sind auf humorvolle Weise von einer Stadt-Land-Polarität durchzogen. Um uns von dieser Dynamik ein Bild zu machen, besuchen wir an einem Augustwochenende, inmitten der Hitzewelle, eine Geburtsstätte ihrer kreativen Arbeit – den großen Garten. Wir sprechen über Visionen und Utopien. Und stoßen dabei auf Möhrengrün, Subkultur und aus Handtüchern genähte Eleganz. 

Trotz Wald, Schatten und Seen trifft man in der Samstagmittagshitze keine Uckermarker. Wir fahren durch weite Landschaften und menschenleere Dörfer nach Gerswalde – ein Ort, an dessen Kern wir beinahe vorbeirauschen, so unauffällig ruht er am Straßenrand. Die ehemalige Schlossgärtnerei, die wir aufsuchen, versteckt sich in einer Nebenstraße hinter altem Gemäuer. Unter unseren Füßen wirbelt Staub auf. Kaum sind wir angekommen, finden wir uns auch schon an einer langen und üppig gedeckten Tafel wieder, vor uns ein Teller Linsensuppe und Salat. Dazu gibt es selbst gebackenes Sauerteigbrot und marinierte Tomaten aus dem eigenen Garten. „Wir ernähren uns gerade fast ausschließlich von unseren eigenen Erzeugnissen“, erzählt uns Lola, die schräg gegenüber dem großen Garten mit ihrer Familie lebt. Zu ihrer Familie zählen derzeit drei wechselnde Workaways, zwei Kinder, ihr Mann Philipp und ihre Mutter Marie. Wir sitzen in einer halb verfallenen Scheune, an den Wänden stolzieren alte Lehmziegel im Fachwerk. Nackter, schattiger Beton besticht am Boden. Über den Tisch fliegen von allen Seiten Komplimente für die grandiose Fleischtomate. Bescheiden winkt Marie ab. 

Tanzende Barkeeper und erhabene Brombeersträucher

Mit gesättigten Bäuchen erkunden wir das Gelände. Rund um die Scheune stehen weitere rustikale Gebäude. Im früheren Heizhaus kann man beim Räuchern von lokalen Fischen zusehen oder erleben wie frische Früchte zu Eis verarbeitet werden. Ein paar Meter weiter, unter einem riesigen, freistehenden Dach, tanzt ein junger Barkeeper hinter dem Tresen der ‚Paradieschen Bar‘ und versucht die Gäste mit Kaffee und Kaltgetränken zu locken. Richtung Süden bietet sich uns der wohl schönste Anblick. Dort wurden Ende des 19. Jahrhunderts Feldsteinterrassen angelegt, auf denen sich wilde Wiesen räkeln. Die Sonne fängt sich in vereinzelten Baumkronen. „Damals war alles von Brombeerranken überwuchert“, erzählt uns Lola. „Wir konnten tagelang Brombeeren zurückschneiden und es wurde kaum weniger. Wobei das Zurückschneiden der Brombeeren eine schöne Arbeit ist. Sie geht eher langsam voran, aber man kann an alles mögliche Andere denken.“ Auch heute gebe es noch Brombeeren. Wenn man sie nicht regelmäßig zurückschneiden würde, wären sie jederzeit wieder bereit den ganzen Garten zu übernehmen. 

Auf einer der Wiesen treffen wir wieder auf Marie. Die 76-jährige Landschaftsarchitektin hat sich der Struktur und Flora des Gartens angenommen. Sobald sie die Harke über das Beet erhebt, verwandelt sich die Saat zu Gold. Der große Garten ist ihre fleischgewordene Heimat, in der sie ihre Visionen verwirklichen kann. Wir gehen in Richtung Café, erkämpfen uns den letzten freien Schattenplatz und schauen auf die terrassenförmigen Beete. „Die meisten Menschen hier wollen theoretisch arbeiten. Doch der Garten braucht jene, die mit anpacken.“ Marie wünscht sich weniger Ausflugsatmosphäre. Beim Erzählen macht sie ihrer Angst vor der Kommerzialisierung Luft. Sie schaut ringsherum auf die Tische, an denen sich stilbewusste und ereignishungrige Menschen scharen. Hier und da entstehen Fotos vom Hafermilchkaffee und platzierten Matcha Cheesecake. Maries Utopie formt einen offenen Ort, der sich dem Austausch verschreibt. Ihr schwebt eine Art Kulturstätte vor, welche die Wertigkeit des Gartens aufrechterhalten kann. Ein denkbarer Weg wären kreative und praktische Kurse in Verbundenheit mit der Umgebung. Klare Vorstellungen davon hat sie keine. Das überlasse sie lieber den anderen, sagt sie mit ausladender Handbewegung und verschlingt den Rest ihres saftigen Schokoladenkuchens.

Hier und da entstehen Fotos vom Hafermilchkaffee und platzierten Matcha Cheesecake.

Mediale Welt und Wirklichkeit 

Im großen Garten trifft man auf eine geballte Ladung Urbanität. Lauter Kunstprojekte, innovative Speisen, Designerrobe und kreativ-akademische Geister fangen den Kulturhunger der Städter auf. Bis auf die Vegetation findet man hier wenig Provinzielles. Die Bekanntheit des Ortes verdankt sich einem unaufhaltsamen medialen Marketing, auf den die Akteure selbst kaum noch Einfluss haben. Wir treffen auf begeisterte Schaulustige und pressemüde Bewohner. Es werden aber auch Menschen erreicht, deren Interessen nichts mit der Inhaltlichkeit des Gartens zu tun haben. Eines Morgens, erinnert sich Lola, standen auf einmal erwartungsvolle Leser einer Klatschzeitschrift vor der Tür. Sie suchten nach dem, ‚wovon man überall spreche‘. Natürlich seien sie enttäuscht nach Hause gegangen. Im Großen Garten findet man weder Vorgefertigtes noch Idylle. In allem wohnt ein improvisiertes Moment. Und wer diese Improvisation nicht findet und schätzt, verkennt die ganze Ausstrahlung des Ortes. 

Im Großen Garten findet man weder Vorgefertigtes noch Idylle. In allem wohnt ein improvisiertes Moment.

Eine gemähte Feldterrasse weiter arbeiten Catherina und Margaux an einer Performance für den Künstler Reto Pulfer. Sie bereiten Stoffe vor, indem sie diese in Eimern mit Hibiskus vermengen. Anschließend wird das gefärbte Gewebe zum Trocknen aufgehängt. Mehr wird nicht verraten. Seit einigen Monaten leben die zwei Künstlerinnen auf dem Gelände des großen Gartens in einem geräumigen Offroad Trailer. „Anfangs hatten wir kein fließendes Wasser.“, sagt Margaux. „Irgendwann haben wir vor unserem Trailer aus Ziegeln und Beton einen Unterbau konstruiert und darauf ein altes Waschbecken gesetzt.“ Margaux ist Gründerin der Foodculture days, die in Vevey stattfinden und internationale Reichweite haben. Ihre Freundin Catherina, studierte Managerin, hat einst in München eine eigene Modelagentur geführt. In Zeiten, in denen sich Models über Instagram selbst vermarkten, seien bis auf wenige Namenhafte die meisten Agenturen völlig überflüssig geworden. So hat sie sich neu in Richtung Musik und Film orientiert. Nach einigen Reisen zusammen sind die beiden in Gerswalde gelandet. Hier verschoben sich rasch Dimensionen. Antimaterialismus und Naturverbundenheit sind selbstverständliche Maximen. Auf ihnen fußt ihre neue, bis dahin ungeahnte Lebensqualität. Catherina und Margaux würden sich am liebsten im Garten für eine unbestimmte Zeit beheimaten. Doch der nächste Winter wird kommen. Und mit ihm werden sich die Lebensbedingungen im Trailer erheblich erschweren. Zuversichtlich sind sie trotzdem. 

Am frühen Nachmittag sind alle Tische und Stühle restlos belegt. Viele Besucher irren Plätze und Schatten suchend umher. Einige haben sich in der Nähe der Beete im trockenen Gras niedergelassen, luschern immer wieder den Abhang hoch. Ihre Augen verlieren sich im Getümmel. 

Exzentrische Kulinarik trifft auf wildes Grün

Vor rund elf Jahren ließen Lola und Familie Berlin hinter sich. Damals kreisten viele Gedanken um die Frage, wie man den neuen Ort attraktiver gestalten könne. Lola und Philipp eröffneten in ihrem Haus ein Café und liefen Radfahrern auf staubigen Landstraßen hinterher, um ihnen einen Kaffee anzudrehen. Heute ist das überlaufene Café zum Löwen im restaurierten Palmenhaus des großen Gartens untergebracht. Darin springen eine Handvoll Kellnerinnen umher, die hier als ‚die Japanerinnen‘ bekannt sind. Entspannungsklänge im Hintergrund fangen die Hektik auf. Es gibt neben gutem Kaffee und kaltem Bier lauter Spezialitäten: verschiedene Onigiri, Matcha Kuchen und solchen, den hochgradige Allergiker verkosten können, hausgemachte Kurkumaschorle und veganes Curry mit Blumen. Allein die Kulinarik dürfte einen Ausflug in den großen Garten für viele zum Erlebnis machen. Sämtliche Cafébetreiber würden Ayumi wohl dafür bewundern, dass das Lokal überrannt wird und sie mit der Produktion kaum hinterherkommt.  Doch für sie und ihre Mitarbeiterinnen ist das lediglich ein Wochenendvertreib, der ihnen keine Ruhe gönnt. Unter der Woche gehen sie in Berlin ihren Berufen und Leidenschaften nach, unter ihnen Fashion Designerin, Hair- and-Make-Up-Artistin und Foodistin. Aya fertigt in der Hauptstadt aus alten Geschirrtüchern kunstvolle Kleidungsstücke, im Garten begegnen wir ihnen überall. Freitags fahren die Japanerinnen gemeinsam nach Gerswalde um avantgardistisches Essen vorzubereiten. Samstags und sonntags folgt ihnen halb Berlin. 

Keine hundert Meter neben dem großen Garten wohnt Lola mit ihrer Familie. Durch einen Co-Working Space mit anschließender Galerie gelangt man ein Stockwerk höher in ihre großräumige Küche. Dort bereiten wir das familiäre Abendessen vor. Lola stattet uns mit einer Limo aus und fängt lauter werdend an zu erzählen. Workaway Anna bereitet aus Möhrengrün frisches Pesto zu. Zwischen Kochen, Fermentieren und geistreichen Wortfetzen mischen sich hungrige Kinder, die sie mit Witz und Vehemenz aus der Küche bugsiert. Während Lola einhändig die gebackenen Möhren würzt, rettet die andere Hand Schnecken aus dem Gartensalat. Sie spricht dabei von neuen Generationen und temporären Phasen. Nüchtern umreißt sie ein Bild des modernen Stadtflüchtlings. Er gehöre zu den Privilegierten, die sich aus freien Stücken dafür entscheiden könnten, hier auf dem Land zu leben. Durch die Verschmelzung von Arbeit und Leben, so vermutet Lola, entstünden auch in der Peripherie Räume für kreatives Schaffen. Ohne die Möglichkeit digital und ortsunabhängig zu arbeiten, wäre Gerswalde wohl um einige kreative Köpfe ärmer. 

Während Lola einhändig die gebackenen Möhren würzt, rettet die andere Hand Schnecken aus dem Gartensalat.

Stadtflucht und Landgenuss 

Der Berliner Mikrokosmos, welcher jedes Wochenende in Gerswalde zum Leben erwacht, befeuert die Werke einiger Künstler. Zurück im Garten, besuchen wir das Verkaufshaus der ehemaligen Schlossgärtnerei. Dort hat die Modedesignerin Kristin Hassel den Showroom für ihr Label KHASSEL human apparel untergebracht. Sie wohnt seit sieben Jahren im Dorf und kennt die anderen Bewohner gut. Während sie in Gerswalde einige Zeit im prämierten ‘Haus des Jahres 2014’ residierte, keimte die Frage nach dem Wesentlichen, das man zum Leben braucht. Beantwortet hat sie sich das mit dreizehn Quadratmetern Bauwagenraum, in dem sie auf einem Permakulturhof lebt. Für Kristin, deren Wanderseele sich schwer vorstellen kann sich an einen Ort zu binden, verkörpert ihr flexibler Wohnraum eine bedeutende Freiheit. Als gelernte Innenarchitektin hat sie den Showroom, in dem wir stehen, eigenhändig gestaltet und mit Lolas und Philipps Hilfe umgesetzt. Ein langer und breiter Ast, mitten im Raum an dünnen Schnüren hängend, bildet das Zentrum des minimalistischen Interieurs. Er ist mit metallenen Bügeln versehen, bestückt mit zeitlosen Kleidern in gedeckten Farben. Man merkt schnell, dass dieser Ort eine Anziehung auf die kunstaffine Berliner Kundschaft ausübt. Da sie ausschließlich von den Hauptstädtern profitiert, öffnet Kristin die Türen des Showroom am Wochenende. 

An diesem Wochenende merken wir, dass es in erster Linie der punktuelle Genuss ist, der verwurzelte Städter für wenige Stunden aufs Land treibt. Als wir mit Lola über die Entwicklung des Ortes sprechen, die sich – von außen betrachtet – sehr erfolgreich abzeichnet, schleicht sich vager Unmut in ihre Worte. „Wachstum ist verlockend, aber es kann auch schnell zu viel werden.“ Die herrschende Konsumatmosphäre am Wochenende sei nicht das Ziel ihres Projektes. Vielmehr gehe es ihr darum einen Ort der Selbstwirksamkeit zu schaffen. Schaut man auf die Künstler, die im und um den Garten herum agieren, ist der Ort nicht weit davon entfernt. Es macht Lola stolz zu sehen wie viele Leute ihren Platz im Garten finden und ihren Traum darin leben. Doch um der touristischen Zweckentfremdung etwas entgegenzuwirken, müssten Inhalte noch stärker in den Vordergrund gerückt werden. Und so keimte die Idee einer Akademie, deren Vorbereitung an diesem Wochenende im vollen Gange ist. Die anstehende Sommerakademie ist ein Versuch ‚neue Narrative‘ zu schaffen. Über eine Woche lang werden sich zwei Dutzend junge Schöpfer in kreativen Werkstätten verschiedenster Disziplinen geistig und handwerklich mit Materie auseinandersetzen. Für deren Zusammenkunft zimmern in der Scheune eine Handvoll Leute Tische und Bänke zusammen. Die Veranstalter stecken ihre Köpfe zusammen und besprechen letzte Schritte, in einer Ecke werden die Rohre einer provisorischen Küche verlegt. Die Nachmittagshitze treibt den Schweiß aus ihren Körpern.

Visionen

In Gerswalde haben sich viele Stadtflüchtlinge niedergelassen. Sie leben und arbeiten vor Ort. In ihren Arbeiten spiegelt sich eine große Wertschätzung für das Leben auf dem Land. Oftmals durch die kreative Auseinandersetzung mit Ort und Einheimischen. Das Sommerbüro des Architekten Niklas Fanelsa baut gerade eine alte Metzgerei in ein Ateliergebäude um. Das ‚Weiterbauen‘ mit bestehenden baulichen und sozialen Strukturen und der enge Kontakt mit der Umgebung seien wichtige Bestandteile seiner Arbeitsstruktur, so Fanelsa. So haben sie am Ortseingang eine überdimensionierte grafische Wandmalerei auf einem eintönigen Wohnblock verwirklicht. Als wir später daran vorbeifahren, wirkt die Kunst an der Schmucklosigkeit des Gebäudes auf schöne Weise irritierend. 

Am Ende des Tages hinterlässt der große Garten noch größeres Staunen. Ein Ort, der genauso viele Facetten wie Potentiale birgt. Ein Ort, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, sich seiner Stigmatisierung zu entledigen. Die Anfänge einer kreativen Geburtsstätte zeichnen sich bereits deutlich ab. Wenn wir an diesen Ort zurückkehren, wird einiges anders sein. Lolas Vision lässt vermuten, dass der kreative Fluss die Schaulust längst verdrängt haben wird. Das Experimentelle und der Austausch werden sich in den Vordergrund drängen. Das Angebot wird kleiner, der Konsum weniger, die Japanerinnen entspannter. Und es wird Utopien und Brombeeren geben. So viel ist sicher.

Am Ende des Tages hinterlässt der große Garten noch größeres Staunen.

Ein Ort, der genauso viele Facetten wie Potentiale birgt.