Werkstattbesuch bei Liveken Lamp

Im Hafen von Bremen, in einem ehemaligen Pförtnerhäuschen eines alten Fabrikgebäudes, hat sich die Architektin Liveken Lamp ihr kleines Atelier eingerichtet. Doch hier skizziert sie keine Entwürfe für Gebäude, sondern fertigt schmuckvolle Unikate aus Keramik. Dass sie mit der Architektur und der Keramik die Tradition ihrer Großeltern fortführt, sei aber nur Zufall, beteuert sie. 

Bevor Liveken vor knapp drei Jahren ihr Keramiklabel Mugshop ins Leben rief, hat sie zwanzig Jahre keinen Ton in der Hand gehabt. Ihre Großmutter arbeitete bereits in den 70ern eine Weile hauptberuflich mit Keramik. Livekens Großvater war Architekt, genauso wie seine Enkeltochter heute. Was damals zwei abdeckten, verkörpert Liveken nun in einer Person: An vier Tagen arbeitet sie als Architektin im Büro, an den anderen schwingt sie sich aufs Rad und fährt über die Weser ins Atelier. Sie habe sich damals keineswegs bewusst an einer familiären Tradition orientiert, erinnert sie sich, während sie einen Batzen Ton auf die Werkbank hievt. Ihre Interessen hätten sie per Zufall zurück zu ihren Wurzeln geführt. 

„Auch wenn man beim ersten Drehen schnell ein Ergebnis sieht, streckt sich der gesamte Herstellungsprozess über Tage oder gar Wochen.“

Liveken Lamp

Im Atelier füllen verschiedenste Keramiken die Regale – getrocknet, gebrannt oder bereits glasiert. Selbst die rohen Werke wirken in sich ästhetisch. Im hinteren Teil des Raumes wird gefertigt: Arbeitsplatte, Drehscheibe und Ofen formen eine komplette Werkstatt, in Regalen lagert die Rohmasse. Vieles stammt aus dem Bestand eines aufgelösten Betriebs, einiges musste Liveken selbst anschaffen. Die Räumlichkeiten bekam sie über einen Freund. Was sie anfangs zuhause umsetzte, konnte mit dem Umzug in das Atelier langsam wachsen. 

Liveken nimmt den Ton und platziert ihn auf der Drehscheibe, die anschließend laut und schnell zu rotieren beginnt. Mit Wasser befeuchtet sie großzügig die Masse und zentriert sie, bis alles perfekt verteilt ist. Anschließend wird die Masse aufgebrochen, indem sie mit ihren Fingern in der Mitte eine Öffnung herstellt. Fängt es an zu kleben, wird mehr Wasser hinzugefügt. Das wirke dem typischen „Eiern“ entgegen. Die Wände des neuen Werkstücks schießen plötzlich in die Höhe. Der plumpe Ton, der eben noch unförmig auf der Platte lag, tanzt nun formschön auf der Scheibe.

Während des Architekturstudiums war das Bauen mit vorhandenen Ressourcen elementarer Bestandteil, erzählt Liveken. Auch in ihrer Arbeit mit Keramik hat sie sich das Ziel gesetzt, eines Tages keine Abfälle mehr in Form von Tonresten zu produzieren. Denn bei Ton handele es sich um einen recycelbaren Stoff, dessen Wiedernutzbarmachung sich allerdings aufwendig gestalte. Doch solange die Vision da ist, können die Ideen zur Umsetzung wachsen. „Nachhaltiges Handeln -“, sagt Liveken, „da geht die Zukunft hin.“

Liveken stellt die empfindlich beweglichen Keramikbecher routiniert zum Trocknen ins Regal. In wenigen Tagen sind die Becher „lederhart“ und bereit für den nächsten Schritt. Auch wenn beim ersten Drehen schnell ein Ergebnis sichtbar wird, erstreckt sich der gesamte Herstellungsprozess über Tage oder gar Wochen. Die Produkte müssen zweimalig gedreht, getrocknet und gebrannt werden. Beim zweiten Drehen erfolgt der Feinschliff, zwischen Schrüh- und Glattbrand das kreative Glasieren. 

„Am Anfang war ich sehr perfektionistisch“, erzählt Liveken. Mittlerweile habe sie erkannt, dass der Wert des Handgemachten auch eine Ästhetik durch mangelnde Perfektion erlaubt. Darüber hinaus arbeitet sie nicht mit einer professionellen Label-Kennzeichnung, sondern signiert die Becher liebevoll mit einzelnen kleinen Buchstabenstempeln. Jedes Stück ist ein Mosaik aus kleinteiligen Arbeitsschritten. 

Livekens Lebensstil löst Bewunderung aus. Sie füllt ihre Woche mit kunstvoller Arbeit, ob Architektur oder Keramik: beides macht sie mit Leidenschaft. Während sie sich durchs Atelier bewegt und über ihre Arbeit spricht, wirkt sie zufrieden und ausgeglichen. Die Frage, ob es noch Luft nach oben gäbe, bejaht sie: „Perspektivisch wäre ein kleiner Laden schön, in dem ich fertigen, ausstellen, verkaufen und vielleicht Workshops geben kann.“ Auch ihre Produkte könne sie noch weiterdenken. Diese möchte sie zukünftig aufwendiger gestalten, erklärt sie und hält dabei eine Schale hoch, die aus zwei zusammengesetzten Teilen besteht. 

Ob Tasse, Schale oder Vase – bei allen handelt es sich um Unikate. Jedes ist handgefertigt von Liveken selbst, vom ersten bis zum letzten Schritt. Die Stücke sprechen insbesondere Menschen an, denen es um eine ganz andere Wertigkeit des Produktes geht. Angesichts des langwierigen und hingebungsvollen Fertigungsprozesses könnte man das Produkt am Ende lediglich als wunderschönen Nebeneffekt deuten. Was Liveken betreibt, ist eine Hommage an ein uraltes Handwerk.