Maximaler Freiraum,
minimaler Ballast

Maximaler Freiraum, minimaler Ballast | nest magazin

Bettina hat keinen Plan. Vielleicht ist genau das der Leitfaden für ein zufriedenes Leben. Aus verzwickten Situationen schöpft sie neue Denkmuster, aus Krisen kreative Ideen. Ihr selbst geschaffenes Zuhause in Oberbayern ist ein Paradebeispiel dafür, wie man mit wenigen Mitteln aus eigener Kraft individuellen Wohnraum schaffen kann.

Was benötigt man eigentlich, um gut zu leben? Wie viele Dinge und wie viele Quadratmeter brauchen wir, um glücklich zu sein? Wenn es nach Bettina geht: Nicht viele. Die 56-Jährige besaß einst eine Gärtnerei, später einen großen Gutshof mit 30 Pferden und jede Menge Plunder. Heute lebt sie völlig losgelöst von unnötigem Ballast und gesellschaftlichen Normen in einem ausgebauten Schiffscontainer, den sie sehr spontan für einen Euro auf eBay ersteigerte. Geduscht wird mit Regenwasser, gekocht im Freien. Besitz gibt es immer noch, aber: Sie hängt ihr Herz nicht mehr daran.

„Wenn mal was nicht so klappt, mach‘ ich daraus eben etwas anderes. Meistens wird es hinterher ja noch viel schöner.“

Bettina
Maximaler Freiraum, minimaler Ballast | nest magazin

Mit den eigenen Händen eigene Ideen verwirklichen

Vielleicht ist genau das die Essenz von Bettina Müllers Lebensweise: Loslassen können, frei sein, sich nicht von materiellen Dingen abhängig machen. Autark bleiben. Eine Lebensphilosophie, die sich auch in ihrer Art zu wohnen widerspiegelt: Bettina ist frischluftverliebt, liebt die Natur, das Firmament, die Weite. Sie verbeißt sich nicht in konkreten Vorstellungen, sondern bleibt flexibel. Flext sich einen Container zurecht, verlegt Wohnraum nach draußen, reißt Denk- und Rollenmuster ein. Innerhalb von ein paar Jahren entsteht so ihr drei Hektar großes Anwesen am Rande von Ohlstadt im Garmischer Land: eine Art Experimentierfeld alternativer Wohnformen. Hier, in ihrer Wahlheimat, baut sie sich Schritt für Schritt ein Reich, das zu ihr passt, größtenteils mit Material, das schon vorhanden ist, nach Ideen, die ihr im Kopf herumgehen oder – noch lieber – die im Tun entstehen. Dabei lässt sie sich ungern bremsen, weder von Vorschriften noch von Konventionen. Mehrfach hat man ihr Areal unter die Lupe genommen, inzwischen lässt man sie gewähren. Aber es bleibt eine Grauzone. Egal, sagt sie, einfach machen, sagt sie, nicht so viel nachdenken. Bettina zögert nie lange, sie probiert es einfach. „Wenn mal was nicht so klappt“, lächelt sie, „mach‘ ich daraus eben etwas anderes. Meistens wird es hinterher ja noch viel schöner.“ Von Kindesbeinen an begleitet sie dieser Pragmatismus. Sie krempelt die Ärmel hoch, klopft sich gelegentlichen Staub von der Hose – und fängt an.

Maximaler Freiraum, minimaler Ballast | nest magazin
Maximaler Freiraum, minimaler Ballast | nest magazin
Maximaler Freiraum, minimaler Ballast | nest magazin
Maximaler Freiraum, minimaler Ballast | nest magazin
Maximaler Freiraum, minimaler Ballast | nest magazin
Maximaler Freiraum, minimaler Ballast | nest magazin
Maximaler Freiraum, minimaler Ballast | nest magazin

Bauen ohne Bauplan

Einen Plan gibt es dabei nie. „Ich schaue was ich zur Verfügung habe und damit wird gearbeitet. Würde ich es anders machen, wäre das alles weitaus teurer.“ Geld ist eher knapp, doch ihre Fantasie kennt keine Grenzen. Dabei baut sie keine Wolkenkuckucksheime, sondern ganz reale Häuser. Ein Containerhaus für sich und Tiny Houses für ihre Gäste. Etwa acht Quadratmeter Wohnfläche haben die Mini-Unterkünfte. Große Sprünge kann man nicht in ihnen machen, aber sie sind funktional und autark, kompakt und gemütlich. Auch die Innenausstattung ist selbst entworfen. Bettina repariert Ausrangiertes in ihrer Werkstatt, verwandelt Sperrmüllfundstücke in Dekoration oder Möbel. Was nicht passt, macht sie passend. Das gilt auch für die vier Containerwände, die sie stellenweise aufbricht: Im hinteren Bereich zimmert sie einen Anbau für ihre Schlafnische und verglast einen Teil der Front, im vorderen Teil richtet sie sich ein Bad ein. Dazwischen ist Platz für einen Ofen und einen gemütlichen Sessel, Stauraum für persönliche sieben Sachen. Der schönste Teil aber ist der liebevoll gestaltete Außenbereich: Die auf den Container gesetzte Dachterrasse samt Outdoor-Bett und die mit Holzbrettern verkleidete Fassade, der kleine Vorgarten mit Blumen und der selbst angelegte Garten, in dem sie Zucchini, Kürbisse und Salate zieht; die gemütlichen Sitznischen vor der Pferdekoppel, die Freiluftküche, in der sich Teller, Tassen und Töpfe, Gläser, Gewürze und Vorräte stapeln und die immer wunderschön dekorierte, selbst gezimmerte, lange Tafel, an der in lauen Sommernächten ihre Gäste sitzen und das Leben unterm Sternenhimmel genießen. All das fließt ihr, „wenn ich mich langweile“, aus den Fingern. Nur beim Satteldach für eines der beiden Tiny Houses hätte sie sich fast ein wenig übernommen. „Die Platten sind groß und schwer. Sie alleine ohne Maschinen nach oben zu kriegen ist nicht ohne.“ Aber am Ende klappt auch das.

Maximaler Freiraum, minimaler Ballast | nest magazin

Trial and Error

Doch das heißt nicht, dass immer alles reibungslos verlief. „Es gab in meinem Leben genügend Situationen, in denen ich mich gefragt habe, was ich jetzt bloß machen soll. Situationen, in denen ich erst einmal nicht wusste, wie es weitergehen wird und ich nichts im Griff hatte.“ Aber aufgeben oder den Kopf in den Sand stecken kam für sie nie in Frage. Bettina kämpfte sich durch schwierige Phasen, begriff Chaos und Veränderung immer auch als neue Chance. Ihr unerschütterlicher Optimismus half ihr dabei, aus jeder noch so prekären Situation etwas Positives zu ziehen. Tatsächlich gäbe es ihr heutiges Leben nicht, wäre nicht vor acht Jahren alles den Bach hinunter gegangen. Damals hatte Bettina schon einiges an Ups and Downs hinter sich: Ein halbes Jahr auf der Straße im Alter von 15 Jahren, einen eigenen Obst- und Gemüseladen samt Gärtnerei mit 20 Angestellten, den sie nach zehn Jahren unter dem Preisdruck der Branche dicht machte; schließlich eine sehr intensive Zeit der Gutshofbewirtschaftung mit nicht selten vorkommenden 20-Stunden-Tagen.

Maximaler Freiraum, minimaler Ballast | nest magazin

Fünf Jahre wuppte sie im Alleingang einen riesigen Hof, kümmerte sich um 30 Pferde und wöchentlich 45 Reitkinder, züchtete aussterbende Haustierrassen, schmiss große Mittelalterfeste und hielt 600 Quadratmeter Wohnfläche in Schuss. Ein Leben wie gemacht für einen Workaholic wie sie. „Irgendwann hätte ich mich wahrscheinlich komplett aufgearbeitet“, gibt sie zu. „Geliebt habe ich dieses Leben trotzdem.“ Dann aber wurde der Hof hinter ihrem Rücken verkauft und die neuen Eigentümer setzten sie von einem Tag auf den anderen auf die Straße. Bettina ruderte und rotierte, versuchte die Tiere unterzubringen und ihr Eigentum zu retten, mietete sich vom Nachbarn eilig Container und stopfte sie mit Möbeln und Habseligkeiten aus vielen bewegten und besitzreichen Lebensjahren voll. Was sie da noch nicht wusste: Zwei von diesen Containern würden den Winter nicht überleben. Es regnete und schneite sehr viel, die Container waren undicht, liefen mit Wasser voll, eine dicke Eisschicht überzog ihren Inhalt. Als sie die Container öffnete, traf sie fast der Schlag: „Zuerst war es ein Riesenschock“, erinnert sie sich. „Da habe ich den ganzen Gutshof mühevoll hineingeschaufelt und dann war alles tot, alles umsonst: die elendige Schlepperei, das ganze Stapeln. Ich wusste wirklich nicht, ob ich lachen oder weinen soll.“ Sie tat das einzig Richtige und machte einen Haken dran, dachte sich: Was für einen Sinn macht es jetzt noch, den Dingen hinterherzuheulen? Auch hier hilft ihr wieder ihr Pragmatismus, die Flucht nach vorne. „Ich habe also alles weggeschmissen – und gemerkt, wie unheimlich befreiend das für mich war.“

Maximaler Freiraum, minimaler Ballast | nest magazin
Maximaler Freiraum, minimaler Ballast | nest magazin

„Ein paar Kleinigkeiten sind von Bedeutung, der Rest ist mir egal.“

Dies war ein Moment, der vieles veränderte. Die Frage nach dem Wert der Dinge führte sie zu ihrer persönlichen Form des Minimalismus. „Man hängt natürlich an den Dingen, aber auf einmal ist da diese Last, die dir von den Schultern fällt und das tut gut. Besitz muss man ja ständig kuratieren. Ich lebe heute nicht asketisch, ich habe immer noch Dinge, aber sie sind mir nicht mehr so wichtig. Und wenn es hart auf hart kommt, gehe ich hier auch nur mit einem Rollkoffer zur Tür hinaus.“ Diese entspannte Einstellung und positive Energie übertragen sich auch auf ihre Besucher. Wer zu Bettina kommt, darf sich wie zuhause fühlen, kann in der Leseecke schmökern, die Küche mitbenutzen, herumspringen wo und wie er mag. Nur der Container samt Dachterrasse ist ihr privater Rückzugsort. Und noch ein paar Regeln gibt es: Maximal drei Tage kann man bei ihr bleiben, „sonst wird es mir zu eng“, es gibt kein Radio, keinen Fernseher und keine Berieselung, auch kein Wifi – und der große Freiluftwohnzimmertisch ist handyfreie Zone. „Die Leute sollen hier eingefahrene Gewohnheiten in Frage stellen, bei sich und miteinander sein und sich miteinander unterhalten.“ Das funktioniert sehr gut: Zwischen Mai und Oktober ist hier ständig etwas los. Dann beherbergt Bettina mehrere hundert Seminarteilnehmer sowie junge Abenteurer aus der ganzen Welt, unternimmt mit ihren Gästen Kräuterwanderungen und Ausflüge, weiht sie in die Grundkenntnisse des Heimwerkens ein; oft geht es in ihren Workshops auch um neue Wege und Lebensalternativen, um Minimalismus und „Back to the roots“ und natürlich um Tiny Houses – was das ist und wie man sie baut. Oder sie zeigt, wie man mit dem, was Garten und Wiesen bereithalten, kreative Gerichte zubereitet, richtet Hochzeiten und runde Geburtstage aus. Basteln, schrauben, sägen, ernten, kochen, in der Natur sein, Lösungen entdecken, zu sich selbst finden – darum geht es. „Meine Gäste sollen hier alle glücklich wieder rausgehen“, wünscht sich Bettina.

Maximaler Freiraum, minimaler Ballast | nest magazin

„Die Leute sollen hier eingefahrene Gewohnheiten in Frage stellen, bei sich und miteinander sein und sich miteinander unterhalten.“

Bettina

Eine andere Art zu leben

Eine Kehrseite hat die Medaille auch: Nicht selten stehen fremde Leute einfach unangekündigt vor ihrer Tür, schauen sich ungefragt auf dem Hof um, verabreden sich für Touren als wäre das hier ein Museum. Solch ungeliebte Besucher komplementiert Bettina schnurstracks wieder hinaus. „Ich freue mich, wenn ich etwas weitergeben kann und Menschen inspirieren darf, aber das hier ist trotzdem ein Privatgrundstück und ich bin kein Kuriosum.“ Auch wenn sie viele für eine Aussteigerin halten: Sie selbst empfindet sich nicht als solche. „Ich bin ja kein Eigenbrötler. Ich mache nur ein paar Dinge anders, habe eine andere Art zu leben gewählt.“ Diese andere Art zu leben – ohne fließend Wasser und größtenteils im Selbstversorgermodus – hängt viel mit ihren Erlebnissen in anderen Ländern zusammen. Vor allem ihre Reisen nach Afrika, ihre Motorradtouren durch die Wüste, hätten ihr die Augen geöffnet, „wie wenig man wirklich braucht und was tatsächliche Armut ist.“ Auf diesen Touren meisterte sie mehrfach extreme Bedingungen und schwerstes Gelände, schlief bei minus 20 Grad im Expeditionsschlafsack, durchquerte alleine auf ihrer Maschine Gebiete, die weitab jeglicher Vorstellungen liegen. Es sei ihr immer schwergefallen, nach solchen Touren zurück nach Deutschland zu kommen. „Wir haben den Wohlstandszenit doch längst überschritten“, konstatiert sie achselzuckend. „Aber irgendwas scheint trotzdem zu fehlen. Vielen Menschen geht es trotzdem nicht gut.“ Ein Zustand, der sich ändern lässt. Bettinas Art zu wohnen mag ungewöhnlich erscheinen, aber sie macht auch frei von Mietpreiskrimis und Leistungsdruck. Wer so lebt, muss sich sicherlich von normativen Lebensformen und ein Stück weit auch von seiner Bequemlichkeit lösen. Ihr intaktes soziales Umfeld sei ihr bei allem immer eine große Hilfe, verrät Bettina. „Ich greife im Alltag auch auf die Unterstützung meines sehr gefestigten Netzwerks zurück.“ So wäscht eine Hand die andere. Bettina kocht oder organisiert für ihre Freunde, die wiederum kümmern sich in ihrer Abwesenheit um Pferde, Hund und Hof oder waschen ihre Wäsche. In gewisser Weise ist es eine Rückkehr zu dörflichen Strukturen. Nachbarschaftshilfe, Freundschaftsdienste, Tauschgeschäfte: Man kann es nennen wie man möchte. Unterm Strich kommen ein großes Stück Unabhängigkeit vom System und der sukzessive Ausstieg aus einer Welt des permanenten Leistungsdrucks und Konsums.

Comment (1)

  1. Hi, this is a comment.
    To get started with moderating, editing, and deleting comments, please visit the Comments screen in the dashboard.
    Commenter avatars come from Gravatar.

Comments are closed.